Specialty Coffee in Österreich: Wo außerhalb von Wien der beste Kaffee wächst
Wien ist nicht alles: In Graz, Salzburg, Innsbruck und Linz wächst eine junge Specialty-Coffee-Szene mit eigenen Röstereien. Wir zeigen, wo es sich lohnt.

Wer „Specialty Coffee Österreich“ in die Suchmaschine tippt, landet fast immer bei Wiener Adressen. Kein Wunder: Wenn von Kaffeekultur in Österreich die Rede ist, denken die meisten sofort an Wien. An Marmortische, an den Ober im Frack, an die Melange mit dem Wasserglas daneben. Das ist auch völlig in Ordnung so. Aber wer glaubt, dass sich der ganze Specialty-Coffee-Trend zwischen Ring und Gürtel abspielt, hat in den letzten Jahren ein paar spannende Entwicklungen verschlafen.
Denn während in der Hauptstadt jede Woche ein neues Lokal mit Filterkaffee und Betonoptik aufsperrt, hat sich abseits davon etwas getan, das man leicht übersieht. In Graz, Salzburg, Innsbruck, Linz und sogar in kleineren Orten gibt es mittlerweile Röstereien und Cafés, die es mit den besten Adressen in Wien locker aufnehmen können. Manche sind sogar besser, weil sie weniger Trubel haben und die Baristas noch Zeit für ein Gespräch finden.
Wir haben uns umgehört und ein bisschen herumgekostet. Hier ist unser ehrlicher Überblick, wo der Kaffee in Österreich außerhalb von Wien richtig gut geworden ist.
Was heißt eigentlich Specialty Coffee?
Kurz zur Einordnung, damit wir vom Gleichen reden. Als Specialty Coffee gilt Kaffee, der bei einer standardisierten Verkostung mindestens 80 von 100 Punkten erreicht. Das klingt nach Bürokratie, bedeutet in der Praxis aber vor allem eines: Die Bohnen sind rückverfolgbar bis zur Farm, sie werden sorgfältig verarbeitet, hell bis mittel geröstet und frisch zubereitet. Man schmeckt die Herkunft, nicht das Röstverfahren.
Und noch etwas: Specialty Coffee ist kein Snobismus. Man muss keine Schulung besucht haben, um zu merken, dass ein guter Filterkaffee aus Äthiopien nach Beeren schmeckt und ein Cappuccino mit ordentlichem Espresso nicht bitter sein muss. Es ist einfach besserer Kaffee. Punkt.
Graz: die heimliche Kaffeehauptstadt des Südens
Wenn es eine Stadt gibt, die Wien in Sachen Kaffee-Dichte pro Einwohner Konkurrenz macht, dann ist es Graz. Das liegt zum einen an den vielen Studierenden, zum anderen an einer Szene, die schon früh auf eigene Röstung gesetzt hat. Rund um den Lendplatz und in der Gegend um die Uni findet man kleine Cafés, in denen der Kaffee vor Ort oder in der Steiermark geröstet wird und wo Filterkaffee genauso selbstverständlich auf der Karte steht wie der klassische Verlängerte.
Was Graz besonders macht: Die Kaffeeleute hier arbeiten viel zusammen. Wer eine Rösterei betreibt, beliefert oft auch das Lokal ums Eck, und man trifft sich bei Cuppings oder kleinen Barista-Wettbewerben. Diese Vernetzung sieht man dem Kaffee an. Er ist konstant gut, und zwar nicht nur an einer einzigen Adresse.
Salzburg: mehr als Mozartkugeln und Touristenströme
Salzburg hat einen schwierigen Stand. Die Altstadt ist voll, die Preise sind hoch, und viele Lokale leben von Leuten, die einmal im Leben vorbeikommen. Umso erfreulicher, dass sich trotzdem eine kleine, aber sehr feine Specialty-Szene gehalten und weiterentwickelt hat. Einige Röstereien in und um Salzburg gehören mittlerweile zu den bekanntesten im Land, und ihre Bohnen landen in Cafés von Bregenz bis Wien.
Wer in Salzburg gut Kaffee trinken will, geht am besten ein Stück weg von Getreidegasse und Domplatz. In den Vierteln rechts der Salzach, rund um den Bahnhof und in Richtung Nonntal sitzen die Lokale, in denen Einheimische ihren Flat White holen und der Barista weiß, aus welchem Anbaugebiet die Bohne stammt.
Innsbruck: Bergluft und helle Röstungen
Innsbruck ist eine Stadt, in der man den Kaffee traditionell schnell und stark getrunken hat, bevor es auf den Berg geht. Das hat sich geändert. In den vergangenen Jahren sind mehrere kleine Röstereien und Cafés entstanden, die sich bewusst von der italienischen Espressotradition abgrenzen, die in Tirol so nah liegt. Helle Röstungen, Handfilter, Cold Brew im Sommer: Das findet man heute auch in der Tiroler Landeshauptstadt.
Ein netter Nebeneffekt: Die Nähe zu Südtirol und Bayern bringt viele Gäste, die bereits an gute Kaffeequalität gewöhnt sind. Das hebt das Niveau. Wer nach einer Skitour einen wirklich guten Cappuccino sucht, ist in Innsbruck mittlerweile besser aufgehoben als in so manchem Wiener Bezirk.
Linz: unterschätzt, aber im Kommen
Linz hat lange den Ruf einer Industriestadt gehabt, in der Kaffee vor allem als Wachmacher diente. Das stimmt schon länger nicht mehr. Rund um die Altstadt und die Landstraße gibt es inzwischen Cafés mit eigener Röstung, und die Szene wächst. Sie ist noch überschaubar, dafür aber persönlich. Man kennt sich, und wer zweimal hingeht, wird beim dritten Mal mit Namen begrüßt.
Besonders auffällig ist in Linz, wie eng Kaffee und Kreativwirtschaft zusammenhängen. Viele der neuen Lokale sitzen in der Nähe von Ateliers, Agenturen und Co-Working-Spaces. Der gute Kaffee ist dort kein Luxus, sondern ein Teil der Arbeitskultur.
Und was ist mit dem Rest des Landes?
Es wäre unfair, die kleineren Städte zu übergehen. Klagenfurt hat sich am Wörthersee eine kleine, ambitionierte Szene aufgebaut. In Bregenz und Dornbirn profitiert man von der Nähe zur Schweiz und zu Deutschland, wo Specialty Coffee schon länger etabliert ist. In St. Pölten, Wels, Villach und Krems findet man vereinzelte, aber ernstzunehmende Röstereien, die oft nur regional bekannt sind und trotzdem hervorragende Bohnen liefern.
Was all diese Orte gemeinsam haben: Der Trend kommt nicht von großen Ketten, sondern von einzelnen Menschen, die irgendwann beschlossen haben, es besser zu machen. Oft sind es Quereinsteiger, die nach Jahren in einem ganz anderen Beruf eine Röstmaschine gekauft haben. Das merkt man am Kaffee und am Gespräch an der Theke.
Warum gerade jetzt?
Dass Specialty Coffee außerhalb von Wien so Fahrt aufnimmt, hat ein paar nachvollziehbare Gründe. Die Mieten in den Landeshauptstädten sind niedriger, was kleinen Betrieben den Start erleichtert. Viele junge Leute haben in Wien, Berlin oder Melbourne gelernt, wie guter Kaffee schmeckt, und wollen darauf nicht mehr verzichten, wenn sie zurück in die Heimat ziehen. Und nicht zuletzt hat die Zeit im Homeoffice viele dazu gebracht, sich zu Hause mit Handfilter und Mühle zu beschäftigen. Wer einmal den Unterschied geschmeckt hat, geht nicht mehr zurück.
Unser Fazit
Wien bleibt das Zentrum der österreichischen Kaffeekultur, keine Frage. Aber wer gute Bohnen sucht, muss nicht mehr in die Hauptstadt fahren. Graz ist dabei ganz vorne, Salzburg und Innsbruck folgen mit etwas Abstand, und Linz holt spürbar auf. Am schönsten ist aber, dass man mittlerweile fast überall im Land jemanden findet, der seinen Kaffee mit Ernst und Liebe zubereitet.
Unser Tipp: Beim nächsten Städtetrip nicht einfach ins nächstbeste Kaffeehaus setzen, sondern ein paar Minuten weitergehen. Meistens wartet dort jemand mit einer Röstmaschine im Hinterzimmer und einer Geschichte, die man sich gern erzählen lässt.
Mehr zum Thema: Wie sich der tägliche Kaffee auf den Körper auswirkt, lest ihr in unserem Beitrag über die Auswirkungen von Kaffee auf unsere Gesundheit. Und wer wissen will, welche Bohnen überhaupt in die Tasse gehören, findet in den Fakten zum Kaffee einen guten Einstieg.